Unter falschem Namen in Bern: Kim Jong Uns geheime Schweizer Jahre zwischen Klassenzimmer und Basketballträumen

Anfang der 1990er-Jahre war Kim Jong Un noch kein Staatschef, kein Symbol und kein Gesicht auf Plakaten. Er war, soweit man es aus den später bekannt gewordenen Berichten rekonstruieren kann, ein Junge im Grundschulalter, dessen Alltag von etwas geprägt war, das die meisten Kinder nicht kennen: konsequente Abschirmung. Während in Nordkorea ein Personenkult um seine Familie das öffentliche Leben bestimmte, sollte seine eigene Identität im Ausland unsichtbar bleiben. Genau diese Spannung macht die Geschichte seiner Zeit in der Schweiz so bemerkenswert: Dort lebte er angeblich mitten in einer ruhigen, geordneten Normalität – aber immer unter dem Schatten einer erfundenen Biografie.

Viele Darstellungen setzen den Startpunkt dieser Auslandsjahre in die frühen 1990er, häufig mit 1991 oder 1992. In einigen Berichten heißt es, er sei etwa zu dieser Zeit in die Schweiz gekommen und habe sich bis ungefähr 2000 im Raum Bern aufgehalten. Was sich wie eine saubere Zeitlinie liest, bleibt im Detail dennoch unscharf, weil vieles bewusst verschleiert wurde: Namen, Meldeadressen, Schulunterlagen, Begleitpersonen. Genau diese Unschärfe ist Teil der Geschichte.

Sicher ist vor allem eines: Es gibt wiederkehrende Hinweise darauf, dass ein nordkoreanischer Junge im Umfeld von Bern unter einem Decknamen die Schule besucht haben soll. Besonders häufig taucht dabei der Name Pak-un beziehungsweise Pak Un auf; teilweise wird auch Un-pak genannt. In anderen Berichten erscheinen Varianten wie Hun Pak oder Chol Pak, was zeigt, wie stark die Tarnung über Jahre hinweg mit mehreren Aliasnamen gearbeitet haben könnte – oder wie schwierig es für Außenstehende war, das Puzzle später eindeutig zu ordnen.

Die Schule, die in den Medien besonders häufig genannt wird, ist die öffentliche Schule Liebefeld Steinhölzli in der Nähe von Bern. Dort soll ein koreanischer Schüler ab Ende der 1990er Jahre unter dem Namen Pak Un geführt worden sein, offiziell als Sohn eines Mitarbeiters der nordkoreanischen Botschaft. Gleichzeitig existieren Berichte, nach denen zuvor eine internationale Schule im Raum Bern eine Rolle spielte, unter anderem die International School of Berne in Gümligen. Manche Quellen erwähnen diese Station, weisen aber zugleich darauf hin, dass nicht alles endgültig bestätigt sei und teils auch Verwechslungen mit seinem Bruder diskutiert wurden.

Was bedeutet es, als Kind unter falschem Namen in ein Schweizer Klassenzimmer zu kommen? Für die Mitschüler ist es ein neuer Junge, still oder auffällig, je nachdem. Für die Lehrkräfte ist es ein Schüler mit einer offiziell plausiblen Erklärung: diplomatisches Umfeld, Auslandsfamilie, diskretes Auftreten. Und für das Kind selbst ist es ein Leben mit ständiger Selbstkontrolle. Ein falscher Name ist nicht nur ein Eintrag im Register. Er ist ein tägliches Rollenspiel. Er bedeutet, dass man bestimmte Fragen nicht beantworten darf, dass man sich nicht verplappern darf, dass jedes Detail der eigenen Herkunft wie ein Stolperdraht behandelt werden muss.

Ehemalige Mitschüler beschrieben ihn in verschiedenen Berichten als eher integriert und durchaus ehrgeizig, aber nicht unbedingt konstant in Anwesenheit oder Leistung. Auch hier ist der Eindruck vielschichtig: Manche Quellen sprechen davon, dass er sich in der Schule schwergetan habe und die Noten schwächer gewesen seien. Andere betonen eher seine Unauffälligkeit im Alltag, verbunden mit einer klaren Begeisterung für Sport.

Genau dieser Sport ist der rote Faden, der in fast jeder Erzählung über seine Schweiz-Zeit auftaucht: Basketball. Berichte betonen, dass er die NBA verfolgt habe, besonders Michael Jordan bewundert und auf dem Court sichtbar aufgeblüht sei. Das ist bemerkenswert, weil Basketball in diesem Kontext mehr ist als ein Hobby. Es ist ein Stück Identität, das nicht ständig überwacht werden muss. Auf dem Feld zählt nicht, wer jemand ist, sondern ob er mitspielen kann, ob er den Pass sieht, ob er wirft, ob er verteidigt. Sport kann für ein Kind, das sonst in Geheimhaltung lebt, ein seltener Ort sein, an dem Normalität nicht gespielt werden muss, sondern einfach passiert.

In manchen Berichten wird sogar erzählt, er habe Fotos besessen, auf denen er mit NBA-Spielern wie Kobe Bryant oder Toni Kukoč zu sehen sei. Ob jedes einzelne Detail dieser Foto-Geschichten verlässlich einzuordnen ist, bleibt schwer zu prüfen, aber die Erzählung passt zu einem Muster, das mehrfach auftaucht: eine starke Faszination für amerikanischen Profisport, inklusive Memorabilia, Starbildern und dem Wunsch, dieser Welt nahe zu sein. Gerade in der Distanz zu Nordkorea wirkt das fast wie ein Fenster in ein anderes Universum: Dort, wo im Heimatland Ideologie jeden öffentlichen Raum durchdringt, bietet die NBA eine Bühne für Talent, Wettbewerb, Glamour und Individualität.

Diese Kontraste machen die Schweizer Jahre so paradox. Die Schweiz steht in der europäischen Vorstellung für Stabilität, Diskretion, Regeln, Ruhe. In genau so einem Umfeld soll ein Junge gelebt haben, dessen Herkunft für das Gegenteil steht: für Abschottung, Machtpolitik, Geheimhaltung und eine extreme Kontrolle über Informationen. Dass ausgerechnet hier versucht wurde, einen künftigen Machthaber in relativer Normalität heranwachsen zu lassen, wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich. Auf den zweiten Blick ergibt es eine kalte Logik: Ein sicherer Ort, politisch neutral, mit internationaler Präsenz, in dem Diplomatenkinder nicht auffallen, bietet ideale Bedingungen, um jemanden zu verstecken.

Gleichzeitig zeigt sich in vielen Berichten, wie schwierig „Normalität“ unter solchen Umständen überhaupt sein kann. Ein Kind kann in einer Klasse sitzen und trotzdem nicht frei sein. Es kann lachen, spielen, trainieren – und dennoch wissen, dass sein Leben auf einer unsichtbaren Bühne stattfindet, deren Regeln andere geschrieben haben. Selbst wenn Mitschüler ihn als nett oder ehrgeizig erlebten, bleibt die entscheidende Frage: Wie viel von ihm war er selbst, und wie viel war Schutzmechanismus?

Einige Berichte erwähnen, dass er Mitschülern gegenüber angedeutet habe, wer er wirklich sei, oder dass es zumindest Gerüchte in seinem Umfeld gab. Das wäre typisch für die Dynamik solcher Geheimnisse: Wer etwas Großes verbergen muss, trägt es trotzdem immer mit sich herum. Manchmal rutscht es heraus, manchmal testet man Vertrauen, manchmal will man einfach einmal nicht allein damit sein. Gleichzeitig können solche Aussagen im Nachhinein auch durch Erzählungen, Medieninteresse und die Rückprojektion späterer Ereignisse verstärkt werden. Genau deshalb ist Vorsicht wichtig: Vieles ist plausibel, manches bleibt Legende, und beides vermischt sich leicht.

Was relativ klar scheint, ist der abrupte Bruch: Gegen Ende der 1990er beziehungsweise um 2000 herum soll er die Schweiz wieder verlassen haben. Ein plötzliches Ende passt zu der Logik einer Biografie, die nie wirklich öffentlich existieren durfte. Wenn der nächste Schritt geplant ist, wird nicht groß erklärt, nicht verabschiedet, nicht diskutiert. Man verschwindet. Und genau das verstärkt im Rückblick den Eindruck eines fremden Kapitels: ein Abschnitt, der wie ein Schatten in einer ansonsten streng kontrollierten Lebensgeschichte steht.

Warum beschäftigt diese Episode so viele Menschen bis heute? Weil sie einen seltenen Blick auf das Menschliche hinter einer späteren Rolle ermöglicht. Nicht, um zu romantisieren oder zu entschuldigen, sondern um zu verstehen, wie Machtbiografien entstehen. Ein Kind, das in einer Schweizer Schule Basketball spielt, wird später nicht automatisch zu einem bestimmten Politiker. Aber die Erfahrung, gleichzeitig „drin“ und „nicht wirklich da“ zu sein, kann Spuren hinterlassen. Wer früh lernt, dass Identität verhandelbar ist, dass Namen austauschbar sind und dass Wahrheit gefährlich sein kann, entwickelt ein besonderes Verhältnis zu Kontrolle.

Und vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieser Schweizer Jahre: Sie wirken wie eine kleine Insel von Normalität, sind aber in Wahrheit ein Trainingsraum für Disziplin und Abschirmung. Die scheinbar gewöhnliche Umgebung macht den außergewöhnlichen Kern nicht kleiner, sondern deutlicher. Denn das Besondere ist nicht, dass ein Junge in Bern zur Schule ging. Das Besondere ist, dass er es tat, ohne wirklich dort sein zu dürfen.

So bleibt am Ende ein Bild, das sich aus vielen Fragmenten zusammensetzt: ein Schüler unter falschem Namen, irgendwo zwischen Klassenzimmer und Sporthalle, umgeben von schweizerischer Alltagsruhe und zugleich umgeben von einer unsichtbaren Mauer aus Geheimhaltung. Und genau diese Mischung aus Nähe und Unnahbarkeit erklärt, warum die Geschichte immer wieder erzählt wird: Sie ist einer der wenigen Momente, in denen die große Weltpolitik plötzlich die Form eines Schulhofs annimmt.

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